Das Setting / Vorgeschichten

Auf uralten Ruinen

In dichten Schwaden hatten sich giftigen Dämpfe aus den Sümpfen um das tote Herz des untoten Fleisches erhoben. Ancor Mortis lag in diesem frühen Morgen des Spätsommers, des fünften Jahres nach der Erweckung, verborgen in einer Parodie eines Morgennebels.
Nur die höchsten Türme der Hauptstadt und der umliegenden Trabantenstädte streckten sich wie gierige Finger der erstarkenden Sonne entgegen.
Weit über dem tückischen Boden der Sümpfe, aus welchen sich die Stadt erhoben hatte, kreiste einsam eine Sturmkrähe, ein heiliger Vogel für die meisten untoten Ancorianer.
Hätte man an diesem Morgen aus den Augen dieses Boten der Königin und Göttin sehen können, so wäre dem Betrachter ein atemberaubender Blick auf das gigantische Hochtal indem die Königsstadt lag geschenkt worden.
Aus der Sicht des beflügelten Boten, hätte man das ganze Ausmaß der unermüdlichen Arbeiten der letzten Jahre sehen können. Wie die Narben eines Rades zogen sich große befestigte Straßen auf Dämmen sternförmig durch die Sümpfe auf die Hauptstadt zu und verbanden die Trabantenstädte mit dem Herz des Untodes.
Terra Ancor oder auch Ancor Mortis wie diese „Stadt“ oft ehrfürchtig genannt wurde war mehr als nur eine Stadt, ein Staat oder ein Königreich … SIE die EINE war das dunkel pulsierende Herz des Untoten Fleisches … und das war durchweg wörtlich zu nehmen, …
Der heilige Barnabas hatte vor Eonen sich Selbst, sein Blut, sein Fleisch und auch seine Seele mit der Stadt verbunden sodass, der schreckliche Fluch Terras, welcher die Stadt in IHR selbst versinken lassen sollte aufgehalten werden konnte.
Er war zum „Herz“ der Stadt geworden und würde bis in Alle Ewigkeit gegen diesen Fluch der Erdhexe ankämpfen, war er doch nach seiner selbst gewählten Einmauerung SELBST zu Mauer, Turm und Hof geworden.
Tatsächlich pulsierten die Mauern der Stadt von da an in dem Takt einer Parodie eines Herzschlages, welchen man Aller Orts im Boden spüren konnte.
Das immer praktisch denkende Volk von Terra Ancor verehrte diesen Märtyrer daher mit Inbrunst als Schutz-Heiligen der Stadt wie auch als den Heiligen der Zeitrechnung, da das dumpfe Pulsieren aus dem Boden viel genauer als jedes Stundenglas war oder der Stand der Sonne und der Gestirne.
Die Sturmkrähe ließ sich im leichten Aufwind treiben und segelte Richtung Süden.

Nur zwei Tagesreisen im Süden, über gut ausgebaute Straßen gut zu erreichen lagen die Ruinen der Grenzfestung Doerchgard in einem der Hochpässe gelegen, welche die einzigen Zugangswege zum Hochtal von Ankor Mortis waren.
Dieser Ort halte immer noch wieder von den schrecklichen Schlachten welche sich in jüngster Zeit hier ereignet hatten. Doerchgard war der Ort des größten Triumphs und der größten Niederlage zugleich für den Untot dieses Zeitalters.
Hier war das Heer der vereinten Feinde das erste Mal besiegt worden und hier war der Untot im letzten Jahr geschlagen worden. Die Invasoren hatten es nicht gewagt ihre vielen Toten auf diesem unheiligen Grund zu beerdigen und selbst die vielen untoten Körper hatte man nachdem alles „Leben“ aus ihnen geprügelt worden war lieber auf riesigen Scheiterhaufen verbrand.
Untote Körper brennen nicht wirklich gut da eine unbestimmte Kraft sie dem Zorn Ignis zu entziehen scheint, aber mit genug Ausdauer hatte man hier die Übereste der vier Lairdoms etwa achthundert fünfzig untote Körper verbrennen können.
Der Geruch des verbrannten Fleisches hatte das Tal um die Ruinen nie mehr ganz verlassen. Auch gab es Gerüchte über rachsüchtige Geister, Nachtsetzer und Alben, welche angeblich Jagt auf jedes lebendige Wesen machen würde, welches töricht genug war diesen dunklen Ort jemals wieder betreten zu wollen.

All Dieses störte die einsame Sturmkrähe diesen frühen Morgen jede doch keines Wegs. Sie ließ sich nach dem langen Flug rastlos auf den Überresten eines der Tortürme der Ruinenfestung nieder.

Von hier aus hatte man einen guten Überblick über das Hochtal von Doerchgard.
Begrenzt durch zwei hohe Gebirgszüge, auf denen auch im heißesten Sommer immer Schnee lag, konnte man von hier aus die Überreste der drei Festungswälle noch sehr gut erkennen.
Es schien fast so als ob die Kräfte Terras und die Kräfte des Untodes den Kampf um die Ruinen einfach weiter geführt hätten nachdem ihre Zweibeinigen Diener lange fort waren.
Die Natur, das wachsende, das Gedeihende war es an einigen Stellen des Tals gelungen tatsächlich wieder Leben zu tragen … an anderen Stellen jedoch herrschten verkrüppelte Bäume und fahles Moos vor, von denen man nicht sagen konnte ob sie lebendig oder tot waren.

Nur war der Gesandte der Königin der Knochen nicht grundlos in dieses Tal gekommen und war auf keinen Fall hier um die Natur und ihren Widerpart zu genießen … es sollte Blut vergossen werden … wieder einmal sollten die Diener der ersten und zweiten Schöpfung sich ohne jede Gnade bekämpfen und ein Sieg der einen oder anderen Seite war nicht vorhersehbar.

Die Sturmkrähe schüttelte sich ihr Gefieder aus und ließ sich von den Strahlen der Sonne wärmen, während ihr ewiger Blick über einer Ansammlung von Palisaden im Talboden glitt.
Dort hatten sich abermals Sterbliche auf den Boden des Untodes gewagt und darüber hinaus zeigte das kleine Militärlager Anzeichen von reger Beschäftigung an diesem Morgen.
Erste Spähtrupps kehrten zum Lager zurück und die letzte Nachtwache wurde abgelöst.

Unter einem schrillen Schrei, welcher nur zur Hälfte der eines Vogels war, verwandelte sich der Bote der Königin und Göttin in eine mit Krähenschwingen beflügelte Frau.
Die Botin war ebenso makellos wie ewig und selbst in den Augen der meisten Sterblichen eine Schönheit … nur würde diese körperliche Schönheit niemals die Augen des Krähenkindes erreichen … diese blieben kalt, herzlos und ewig, ganz wie die Augen ihrer Mutter im Fleische.

Alarmrufe waren im nahen Lager der Sterblichen zu hören und aus einiger Entfernung auch die morgendlichen Gebete von Untoten welche aus den höheren Bereichen des Tals herunter halten.
Hier würde es abermals zur Schlacht kommen soviel stand fest … deshalb war die Tochter der Knochenkönigin hier um zu beobachten … und ihr kalter Blick durchdrang Fleisch, Knochen und Seelen ohne Mühe.
Und so wurde die Königin, durch die Augen ihres Kindes zwei ihrer niedrigsten Diener gewahr und lächelte leicht im nahen Tronsal von Ancor Mortis.

Capitain Walther of Brookbridge hatte sich in einen derben Wollumhang gehüllt und beobachtete seit geraumer Zeit durch sein Okular das Lager der sterblichen Invasoren, neben ihm hatte sich Maydrick der irre Späher mit dem Aussehen einer grotesken Vogelscheuche in das tiefe Gras gelegt.

„Gute Nase Maydrick … wirklich eine gute Nase.“, raunste der Capitain legte vorsichtig sein Okular beiseite und nahm einen tiefen Zug von seinem widerlichen Rauchwerk zu sich. Seine Kopfwunde hatte wieder zu nässen begonnen, das tat sie immer wenn Ärger im Verzug war.
Walther wischte sich ein wenig Eiter und Wundschorf aus der nicht mehr heilen wollenden Kopfwunde. Er hatte wirklich genug gesehen an diesem Morgen. Sein Banner hatte mal wieder Pech … wie immer … was als harmloser Eskortauftrag für einige wichtige Persönlichkeiten aus der Hauptstadt begonnen hatte würde sich hier in den Ruinen von Doerchgard wieder einmal zu einem zähen Kampf entwickeln.
„Das sind reguläre Soldaten aus dem Süden Maydrick … ich konnte die Farben und das Banner von mindestens zwei mir bekannten Einheiten erkennen … eine davon sind diese dreimal verfluchten Balindurer … die scheinen sich förmlich zu nem Pilz der braunen Hexe an meinem Arsch zu entwickeln!!!“
Der Capitain spie voll Abscheu aus.
„Maydrick hat Angst … dieser Ort ist verflucht … die weiße Hexe …“, zischelte der irre Späher in seiner gewohnten unzusammenhängenden Weise bevor der Capitain ihm das Wort Abschnitt.

„Footman Maydrick … natürlich ist dieser Ort verflucht aber nicht von den Elementen sondern von unserer Göttin … du alter Schwarzseher … außerdem sind DIE bestimmt nicht hier um den ganzen Tag VIAVAT AERIS zu schrein … die sind zum Kämpfen hier genau wie wir … das wird ein wunderbares Gemetzel werden und ein weiter ruhmreicher Sieg für mich!“, erklärte Walther während er seinen Beobachtungsposten zwischen einigen Ruinen aus dunklem Stein verließ im fortgehen begriffen.
Maydrick, welcher grundsätzlich und immer zusammen zuckte wenn der Name der Urkraft des Windes erwähnt wurde, wollte sich gerade zwischen zwei Steinen verkriechen, um Schutz zu suchen.
Walther of Brookbridge schüttelte den Kopf und strich seinen Waffenrock auf dem nun das Zeichen Barenbays, die Knochenhand, angebracht war gerade.
„Maydrick … du bist der feigste Späher den ich je getroffen habe, wir werden herausfinden was sie hier wollen und sie dann ALLE umbringen … mit etwas Glück kehren wir mit zwei Bannern zurück nach Ancor Mortis, eines von UNS und eines was aus ihren Körpern besteht.
Dieses Mal sind sie zu weit gegangen, sich so nahe unserer Hauptstadt einnisten zu wollen ist nicht mutig sondern einfach nur dumm und es ist unsere Aufgabe ihnen die Hoffnungslosigkeit ihres Unterfanges einzuprügeln … also hoch jetzt wir müssen das Morgengebet nachholen sonst meckert Pater Makabeus wieder den ganzen Tag!!!“

Die Beiden gingen zum Lager der Untoten zurück, welches zwischen den Ruinen der alten Grenzfestung aufgeschlagen worden war … nur knapp aus der Sichtweite der Sterblichen.
Der Capitain war zuversichtlich, noch nie war es dem Feind gelungen eine Truppe von etwa gleicher Stärke unter seinem Kommando zu besiegen … warum sollten sie jetzt damit anfangen???
Der Untot hatte viele Truppen aber dieses hier war die Seinige und sie waren Alles andere als Anfänger.

Das Krähenkind sah an diesem Morgen die Dinge wie sie waren … viel Überheblichkeit … auf beiden Seiten und etwa gleiche Chancen auf Sieg oder Niederlage.
Sie würde warten, beobachten und die Würdigen mit sich nehmen … wie immer schon.

 

Zurück!